#femaleheritage

Lücken im Archiv – wenn die Erinnerung zu sehr schmerzt

Stubborn Archivist von Yara Rodrigues Fowler

Cover-Design:
Nico Taylor

Hi. Alex schüttelte ihr die Hand. Hi.
Hi Alex.
Wie heißt du?
Sie nannte ihm ihren Namen und er wiederholte die Si-hil-ben.

Er sah sie an.

Das ist aber ein schöner Name. Wo ist der her?
Aus Brasilien.
Und du bist –?
Genau.
Aber du klingst so –
Nun ja, ich wurde hier geboren.
Ach so.
In London. Genau genommen in Südlondon.
Alex war ein klein wenig älter als sie und trug eine Harry Potter-Brille.
Mein Vater ist Engländer.
Du bist also halb-halb?
Genau.
Aufgewachsen bist du aber –
Zweisprachig.
Zweisprachig. Dann sprichst du also beides gleich – seine Hände suchten nach den richtigen Worten – ich mein krass, das ist ja –
Na ja, nicht ganz gleich.
Ach so. Klar.
Wir fliegen aber schon immer wieder mal heim. Meistens zu Weihnachten. Jetzt zu Weihnachten war ich auch gerade wieder da.
Durch sein Glas hindurch blickte er zu ihr herüber.
Sie trank von ihrem Trinken.
Nathan blickte zu ihr, dann zurück zu Alex.
O-kaaay. Interessant. – bemerkte Alex. *

Identitätskrise

In England wirkt die Protagonistin von Stubborn Archivist mit ihrem für englische Ohren exotisch klingenden Namen, den die Lesenden niemals erfahren, häufig fremd. In Brasilien, dem Geburtsland ihrer Mutter, hingegen, gilt sie als „Gringa“. Dort wird lediglich immerzu bekräftigt, wie schön sie doch sei, weil sie die blauen Augen und das helle Haar ihres englischen Vaters hat. Von klein auf hat sie demnach mit einer Identitätskrise zu kämpfen. Mit solchen Gesprächen wie dem oben zitierten muss sie sich ständig herumschlagen. Ähnlich verläuft beispielsweise auch das Kennenlerngespräch mit ihrer ersten – und bis dato einzigen – Liebe.

Der weiße Mann in ihrem Bett

Noch während der Schulzeit lernt sie Leo kennen, einen Engländer. Er hat einen Fetisch für Latinas und eine Vorliebe für brasilianische Pornos. Schon früh wird klar, dass er sie nur anspricht, weil er schon weiß, dass sie lateinamerikanische Wurzeln hat. Sie bietet ihm zu Beginn der Beziehung gleich an, im Bett Portugiesisch zu sprechen; fühlt sich wahrscheinlich geschmeichelt, dass jemand diesen Teil ihrer Identität so anziehend findet. Dann tut er ihr in einem solchen Maße weh, dass sie auch Jahre später noch darunter leidet:

Er war nur ein klein wenig älter – daran lag es nun wirklich nicht
Für ihr Alter war sie sehr reif, das sagten alle, sie hatte ja auch schon
alle Jane Austen Romane mindestens zweimal gelesen und genau wie ihre Mum (und genau wie ihre Tia) bestand sie jede Prüfung im Schlaf, oder eben
hellwach, mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen

Er war nur ein klein wenig älter. Er, mit dem neuerdings hochgewachsenen
Erwachsenenkörper, der sich vom Boden her weitausbreitete,
weit und breit nur weiße Haut, den kräftigen Fußballerbeinen,
den breiten Schultern den schmalen Fingern, der Brust, auf der immer
neue Haare sprossen, den Schlüsselbeinen, dem Nacken, den langweiß
schmalweißen Fingerknochen, die kragenechsenartig aufgefächert
sein Gesicht verdeckten*

Den Kontakt zu Freunden meidend, verkriecht sie sich unter der Bettdecke in ihrem alten Kinderzimmer und durchlebt Flashbacks wie den eben zitierten. Geplagt vom Reizdarmsyndrom beschreibt sie ihren Körper als „komplett kaputt“. Es wird niemals erwähnt, was genau geschehen ist; Leo wird nie als Monster dargestellt. Dennoch, oder besser gesagt genau deshalb, ist sie eindeutig als Opfer sexualisierter Gewalt zu identifizieren. Sie erinnert sich nur noch an seine weißen, bedrohlichen Hände, nicht jedoch an sein Gesicht. Das Publikum wird aufgefordert, aus dem Nicht-Gesagten, dem Nicht-Gedruckten zu lesen. Zu Anfang des Buches steht teilweise nur ein Satz auf einer Seite. Der Rest bleibt weiß. Das Weiß dominiert.

Der weiße Mann in Brasilien

Das Weiß herrscht vor, wie die weißen Eroberer vor fünfhundert Jahren auf dem neu entdeckten Kontinent. Diese waren der Ansicht, sie könnten sich alles mit Gewalt nehmen. Nicht nur die Bodenschätze, sondern auch die Körper und die Würde der Ureinwohnerinnen und der schwarzen Sklavinnen. Und auch mit der Unabhängigkeit endete diese weiße Vorherrschaft nicht; sie ist nur subtiler geworden, schwerer zu fassen. Zusätzlich sei hier zu erwähnen, dass in Brasilien während der Militärdiktatur Vergewaltigung eine probate Foltermethode war.
Autorinnen und Autoren der damaligen Resistência leisteten gegen die Terrorherrschaft auf subtile Weise Widerstand, indem sie den elliptischen Schreibstil zu ihrem Markenzeichen machten. Sie sprachen an, indem sie ausließen. Im kollektiven Archiv wurden so künstliche Leerräume des Grauens geschaffen. Aber auch ohne diese sind Staatssammlungen niemals vollständig, ihre Inhalte sind häufig beschädigt. Wie die Protagonistin.

Fazit

Das Debüt von Yara Rodrigues Fowler wurde für zahlreiche Preise nominiert. Es handelt sich um ein persönliches und gleichzeitig politisches Werk, dessen Themen so weitreichend sind, wie die Zweige eines Mammutbaums im brasilianischen Urwald.
Es spricht nicht nur die bereits erwähnten Problematiken, wie Identitätsverlust, sexualisierte Gewalt und die weiße Vorherrschaft an, sondern befasst sich zusätzlich mit Frauenrechten, der Zerstörung des Regenwaldes und der Emanzipation der LGBTQ+-Community.
Dies macht Yara Rodrigues Fowler zu einer äußerst kontemporären Autorin. Die Wurzeln des Werks reichen jedoch tief hinein in die Vergangenheit. Hierbei lässt sie bei ihren Beobachtungen auffällig viele Frauen sprechen, oder eben schweigen. Wie unsere sture Archivarin.

Über die Autorin

Yara ist eine junge Autorin aus London. Zurzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Roman, für den sie den Society of Authors’ John C Lawrence Award erhielt. Ihre Essays und Artikel sind im Guardian, in der New York Times, in der Vogue und in zahlreichen anderen Publikationen erschienen. Zusätzlich engagiert sie sich für die Latin American Women’s Aid, einer von zwei Organisationen in Europa, die sich um geflüchtete Frauen aus Lateinamerika kümmern. Details über die Autorin findet ihr unter https://yararodriguesfowler.com/.

Feedback

Seid ihr neugierig geworden? Möchtet ihr erfahren, wie es mit der namenlosen Protagonistin weitergeht? Das Werk ist bislang leider nur in englischer Sprache erschienen. Wir (die Autorin, ihre Agentin und ich als Übersetzerin) sind jedoch auf der Suche nach einem deutschen Verlag. Also lasst mich bitte wissen, ob ihr gerne auf Deutsch weiterlesen würdet. Falls ihr Stubborn Archivist im Original schon gelesen habt, schreibt mir gerne auch eure persönlichen Leseeindrücke. Ich freue mich auf euer Feedback!

* © 2019, mit freundlicher Genehmigung von Yara Rodrigues Fowler und little, brown Book Group, London, UK. Aus dem Englischen von Christine Oana Schüller

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