Aus dem Leben einer Dollarnote

eine Weihnachtsgeschichte von Lelia Plummer

Pünktlich zum Fest möchte ich euch eine weihnachtliche Kurzgeschichte aus der Harlem Renaissance vorstellen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts emanzipierten sich schwarze Intellektuelle, Künstlerinnen und Künstler sowie Schriftstellerinnen und Schriftsteller und stellten unter Beweis, dass sie ihren weißen Kollegen in nichts nachstehen.
Unter ihnen war auch die Autorin Lelia Plummer, über die leider nicht viel bekannt ist. Sie veröffentlichte folgende Kurzgeschichte 1904 unter dem Originaltitel „The Autobiography of a Dollar Bill“ in der Zeitschrift The Colored American magazine (https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uc1.b3793664&view=1up&seq=782&q1=Lelia%20Plummer).
Nach dem übersetzten Text habe ich euch noch eine kurze Interpretation angehängt, wäre jedoch gespannt zu hören, wie ihr die Story gelesen habt. Jetzt aber erst einmal viel Vergnügen:

Es war der Abend vor Weihnachten. Die Erde war in eine Decke weißer Flocken gehüllt. Kleine braune Spatzen zwitscherten munter in den glitzernden Baumkronen und alle paar Minuten war fröhliches Schlittengeläut zu hören.
„Aber hallo“, wandte sich Lumpenjack an einen anderen Straßenjungen. „Das is mal ne Weihnacht nach meinem Geschmack, wie in guten alten Zeiten. Nich son mildes Tauwetter, wie ihr es sonst immer habt.“
Der Junge meinte nur zitternd, „für die, die genug Brennholz haben, is es sicher was Schönes. Außerdem“, fügte er hinzu, „is es noch gar nicht Weihnachten, es is erst der Abend davor. Bin mal gespannt, was du machst, wenn dann wirklich Weihnachten is.“
„Na ja“, antwortete Jackie, „jetzt verkauf ich erstmal meine Zeitungen. Mal sehn, ob sich noch n paar Pennys zu mir verirren. Und dann mach ichs mir unter der Brücke da drüben gemütlich. Und morgen lass ichs mir dann gut gehn.“
So stapfte er von dannen. „Zeitungen, kaufen sie Zeitungen!“, rief er immerzu. „Die neusten Nachrichten! Mit einer Sonderausgabe zu den Feiertagen!“. Doch nur Wenige schenkten dem Jungen Beachtung. Zu sehr waren sie mit ihren Weihnachtseinkäufen beschäftigt. Da rutschte er beim Überqueren der Straße aus und wäre um ein Haar unter die donnernden Hufe zweier Pferde geraten, hätte der Kutscher sie nicht im letzten Augenblick zum Halten gebracht. Dieser stieg nun vom Kutschbock, hob den Jungen in seine Arme und half ihm wieder auf die Beine. „Junger Mann, du solltest besser aufpassen! Bist du verletzt?“
Die Tür des eleganten Gefährts öffnete sich und zwei freundliche Augen blickten Jackie an. Dieser hatte indes redlich Mühe, sich aus dem Griff des Kutschers zu befreien. „Hast du dir weh getan, Kleiner?“, fragte eine liebliche Stimme. „Äh, nein“, brachte der Junge hervor und errötete. Die Lumpen, die er am Leib trug, blieben nicht unbemerkt und eine gütige Hand griff in ihren Geldbeutel und reichte dem Zeitungsjungen einen Geldschein. Der Fahrer kletterte zurück auf den Kutschbock und schon war die Kutsche weitergefahren.
Jackie warf einen Blick auf den Schein in seinen Händen und traute seinen Augen nicht. Zwischen den Fingerchen, auf denen immer etwas Druckerschwärze haftete, raschelte doch tatsächlich eine nagelneue Ein-Dollar-Note. Jackie konnte sein Glück kaum fassen und drückte den Geldschein fest ans Herz. Leichten Schrittes machte er sich wieder daran, seine Zeitungen zu verkaufen. Niemand nahm jedoch an jenem Tag noch Notiz von ihm und so trug es sich zu, dass er am Abend kein einziges Tageblatt verkauft hatte. Nichtsdestotrotz war er frohen Mutes. Immer und immer wieder hatte er den Tag über einen Blick auf den sauberen, faltenfreien Geldschein geworfen. Als die Stadt langsam im Glanz der Lichter zu erstrahlen begann, eilte er zu der kleinen Ecke unter der Brücke und rollte sich dort zufrieden zusammen. „Hier is es doch viel besser als zu Hause, wo sie einen einmummeln und einkuscheln, als wär man ein Mädchen“, pflegte er zu seinen jüngeren Kameraden zu sagen. Den Dollarschein nach wie vor nah an sein Herz gedrückt, dachte er an die Freuden, welche dieser ihm am Weihnachtstag bereiten würde.
„Jackie…Psst…Jackie!“, raunte plötzlich eine Stimme. Der Junge rieb sich die Augen und blickte sich um, konnte in der Dunkelheit jedoch niemanden ausmachen. Da war es schon wieder. Diesmal suchte er erst gar nicht nach dem Besitzer der Stimme, sondern sprach beherzt, „schon gut, hier bin ich, was willst du von mir?“ „Ich bin Mr. Dollarnote und ich will dir alles über mich erzählen. Wärm mich nur einfach schön weiter, denn die Nacht ist kalt.“ Jackie drückte den Schein noch etwas fester an sich. „Nun denn, als ich in diese Welt der wundersamen Dinge geschleudert wurde, war ich umringt von vielen Stapeln meinesgleichen. Meine Güte, da gab es so viele von uns, ich wusste nicht, wohin ich zuerst schauen sollte. Ständig tummelten sich kleine runde Männer um uns, die zwar intelligent, aber immer etwas bescheiden dreinblickten. Ich glaube ja, sie waren sich darüber bewusst, dass sie nicht annähernd so wertvoll waren wie ich. Zusätzlich waren da noch diese kleinen, silbernen Münzen, die wir ‚little Dimes‘ nannten. Ich sag dir, von denen gab es unvorstellbar viele.
Dann nahm mich jemand mit, der, mein lieber Jackie, um einiges größer und viel besser gekleidet war als du. Er verstaute mich an einem kalten, trostlosen Ort. Allein wäre ich dort verzweifelt, aber zum Glück leisteten mir eine große Anzahl Artgenossen Gesellschaft. Nur die kleinen, glänzenden Dimes fehlten. Ich fragte einige der wichtigeren Männer, was es damit auf sich habe. Sie meinten nur, dass ich noch so manches in meinem Leben lernen müsse. Dort war ich auch nur kurz, denn eine grobe Hand zerrte mich heraus. Ich wurde einen Augenblick lang durch die Luft geschleudert und fand mich plötzlich in völliger Dunkelheit wieder. Ach Jackie, das war einer der schwärzesten Momente meines Lebens. Eine ganze Weile lang hatte ich nicht die geringste Ahnung, wo ich war und was nun mit mir geschehen würde, ich wusste nur, dass ich wohl gerade irgendwohin transportiert wurde. Bevor ich mich versah, schnappte mich jemand und steckte mich in eine winzigkleine Schachtel. Wir schwammen mit dem Verkehr, bis ich wieder genauso unwirsch aus der Kiste gerissen wurde. Bevor die Dunkelheit mich jedoch erneut verschluckte, erspähte ich die sich tummelnden Menschenmassen und so manch glänzenden Gegenstand. Jackie, was meinst du, wo war ich?“
„Ich nehm mal an, jemand hat dich zum Weihnachtseinkauf, wie die das gern nennen, mitgenommen, und du bist in einem der hübschen Läden gelandet“, antwortete der Junge. „Ganz genau!“, rief der Geldschein wohlgefällig. „Kleiner, für dein Alter bist du ganz schön schlau. Nun denn, um mit meiner Geschichte fortzufahren, ich traf dort tatsächlich einen alten Freund wieder. Stell dir das mal vor, mein Junge. Einen alten Freund. Weißt du, ich bin schon so viel rumgekommen, dass ich mich schon ganz alt fühle, obwohl ich noch so neu erscheine. Das letzte Mal hatte ich ihn in der großen Kiste gesehen. ‚Hallo, alter Freund‘, begrüßte ich ihn. ‚So sieht man sich wieder. Wie ist es dir so ergangen?‘ Da erblickte ich neben ihm einen sehr alten, zerfledderten Gentleman. Ich war schon geneigt, die Nase zu rümpfen, aber ich schwör dir, Jackie, mein Freund war dem Alten viel mehr zugetan, als mir, der vor Schönheit und Jugend nur so strotzt. Plötzlich ertönte ein Klingeln, es ratterte und mein Freund war verschwunden.
Minutenlang studierte mich der zerschlissene Alte unverblümt und mit ernster Mine. Dann sprach er, ‚eins will ich dir sagen, Jungspund, ein alter Kerl wie ich, is um einiges wertvoller als einer deiner Sorte. Ach, diese Jugend! Ihr habt ja nicht die geringste Ahnung, was ich schon alles hinter mir hab. Und du sitzt da und tust so, als wüsstest du was von der Welt.‘ Ich errötete und sah zu Boden. Denn weißt du, Jackie, mir gefiel so gar nicht, was der Alte da so offenbarte. Er war überhaupt nicht zu bremsen. ‚Du bist ja noch grün hinter den Ohren. Ich dagegen war schon überall. Ich bin über wilde Gewässer gerudert und über grüne Felder gewandert. Ich war in den Häusern der Reichen, wo ich sehr sehr viel Gesellschaft hatte und ich war in den Häusern der Armen, wo ich der Einzige meiner Art war. Kleiner, ich war da, wo die Reinheit und Unschuld zu Hause sind, dann wiederum wandelte ich unter düsteren Gestalten. Jawohl, ich wurde aus Hosentaschen entwendet und wanderte durch Hände, an denen Blut klebte. Ich hab wirklich schon so einiges durchgemacht. Ich war die Freude der Armen, ich war des Geizhalses Hort; und bis ich zu Staub zerfalle, werde ich weiter meine Runden ziehen.‘ Ein Klingeln, ein Rattern und weg war er.
Da lagen viele weitere Scheine, die zweifelsohne meine Aufmerksamkeit verdient hätten. Wie das Leben jedoch manchmal so spielt, Jackie, dieser eine neue Bekannte war gerade erst verschwunden, da packten mich ein paar grobe Finger, schleuderten mich umher und überließen mich erneut meinem Schicksal. Diesmal machte mir die Dunkelheit jedoch nicht mehr ganz so sehr zu schaffen. Ich dachte nämlich an die Geschichten des Alten und fragte mich, ob ich eines schönen Tages auch so ein alter, zerschlissener Kauz würde. Während ich noch so vor mich hin sinnierte, vernahm ich liebliche Stimmen und dann gab mich eine weitaus gütigere zartere Hand in deine Obhut. Irgendwie hatte ich schon zu Beginn Gefallen an dir gefunden. Du scheinst nämlich zu der feinfühligen Sorte zu gehören. Ich hab dich wirklich gern, Jackie. Und auch wenn ich dich morgen Früh, wie ich wohl annehme, wieder verlassen muss, sei nicht traurig. Ich werde nämlich von nun an immer Ausschau nach dir halten.“
„Oh nein, du darfst nie, niemals fortgehen“, rief Jackie und schreckte von seinem Nachtlager hoch. Das Kirchengeläut, das die Geburt des Heilands ankündigte, hatte den Jungen aufgeweckt und erfüllte nun sein Herz.
„Hab ich das alles nur geträumt?“, fragte er bei sich. „Nein, ganz bestimmt nicht! Ich hab den Dollar genauso klar gehört, wie ich jetzt die Kirchenglocken höre. Und ich bin mir sicher, selbst wenn ich mich jetzt auch von meinem guten alten Schein verabschieden muss, er wird von nun an ganz sicher immer nach mir Ausschau halten. Und dann, eines Tages, wird er wieder bei mir sein.“

Sensus spiritualis

Ich habe die Dollarnoten als Personifizierung schwarzer Sklaven und ihre Reisen als Metapher für den Sklavenhandel gelesen.
Ganz besonders hat mich die letzte Passage, in der die gegenseitige Zuneigung zwischen Besitzer und Besitz bekundet wird, an Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher Stowe erinnert. Onkel Tom und sein Besitzer schätzen einander sehr. Leider muss er Tom jedoch aufgrund von Geldsorgen verkaufen. Obwohl dem alten Sklaven versprochen wird, dass man ihn zurückkaufen würde, sobald die monetäre Situation es zuließe, ist das Schicksal des alten Sklaven mit dieser Entscheidung besiegelt.
Wenn man also diesen Text als Frage nach dem pekuniären Wert eines menschlichen Lebens liest, wird er heute wieder aktuell, wenn auch vielleicht in einem anderen Kontext. Deshalb wollte ich ihn in dieser besonderen Zeit auch der deutschen Leserschaft zugänglich machen.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein wundervolles Weihnachtsfest und ein erfolgreiches, glückliches und vor allem gesundes neues Jahr!

© Der Ausgangstext ist gemeinfrei. Das Urheberrecht und die Nutzungsrechte dieser Fassung liegen bei mir, Christine Oana Schüller.

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